Standortbestimmung der WM-Teilnehmer

Standortbestimmung der WM-TeilnehmerFoto: flooy CC0 Creative Commons via Pixabay

Das Wochenende stand ganz im Zeichen der Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Rund 80 Tage vor dem Turnier wollten die teilnehmenden Teams in Testspielen einen Überblick über ihre Konkurrenzfähigkeit gewinnen. Dabei wurde so manche Euphorie allerdings bereits vorzeitig gedämpft.

Auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist auf jeden Fall Russland. Hatte man sich zur Standortbestimmung der Sbornaja mit Brasilien eigens einen hochkarätigen Titelaspiranten einfliegen lassen, zeigte die 0:3 Niederlage deutlich die Schwächen des Gastgebers auf. Zwar konnten die Russen in der ersten Hälfte des Spiels noch ganz passabel mithalten, danach wurde jedoch deutlich, dass die Seleção zunächst mit angezogener Handbremse gespielt hatte. Den Brasilianern drohte vom russischen Angriff keine wirkliche Gefahr und mit der löchrigen Defensive der Hausherren hatten sie einfach zu leichtes Spiel.

Als ein weiterer Titelaspirant muss Deutschland erst noch beweisen, ob die derzeitige Mannschaft ihrer Rolle gerecht werden kann. Spanien als ebenbürtiger Gegner zeigte den Buben von Teamchef Jogi Löw beim gnädigen 1:1, dass die Früchte im Moment noch sehr hoch hängen. Über Strecken wirkten sie wesentlich wendiger als die Deutschen und das Kurzpassspiel erinnerte stellenweise an eine Begegnung auf einem Pizzakarton. Das Spiel der mit Vorschusslorbeeren nur so überhäuften „Mannschaft“ kam schwerfällig in die Gänge. Gegen die Rote Furie entstand stellenweise der Eindruck von allzu gefälliger Schwerfälligkeit.

Auch Portugal tat sich auffällig schwer in sein gewohntes Spiel zu finden. Zwar zählt der Gegner Ägypten nicht unbedingt zu den Favoriten der WM 2018, aber ein bisschen mehr als ein, erst in der Nachspielzeit zäh erkämpftes, 2:1 hätten die Zuschauer schon erwartet. Nach Ende der regulären Spielzeit war es dann die Klasse eines Christiano Ronaldos, die eine Blamage nach dem 0:1 der Nil-Kicker nach knapp einer Stunde verhindern konnte. Der Weltfußballer von Real Madrid hat damit einmal mehr bewiesen, dass er für die Portugiesen unverzichtbar ist und sicherlich zu den ganz Großen dieser Weltmeisterschaft zu zählen ist.

Zwei weitere Mannschaften, die als Anwärter für den Weltmeistertitel gehandelt werden, traten gegen Gegner an, die nicht unbedingt zur Standortfrage beitragen mögen. Argentinien versuchte sich gegen die kriselnden und bereits an der Qualifikation gescheiterten Azurri aus Italien. Auch ohne ihren Weltklassespieler Messi, der von Trainer Jorge Sampaoli geschont wurde, glänzten die Gouchos mit einem 2:0 Sieg gegen formlose Italiener. Frankreich hatte sich mit Kolumbien ebenfalls einen Gegner ausgesucht, der nicht beim Turnier vertreten ist. Zunächst sah es so aus, als würden die Favoriten nach derr frühen 2:0 Führung als haushoher Sieger aus der Partie gehen. Danach wendete sich das Blatt jedoch und die Kolumbianer besiegelten Frankreichs 2:3 Niederlage.

Tunesien testete seinen voraussichtlichen WM-Kader gegen den Iran. 20 Minuten vor dem Spielende schaffte es Mohammadi der etwas rüde geführten Partie doch noch mit dem 1:0 einen Höhepunkt abzuringen. Wesentlich munterer ging Mexiko gegen die erklärten Sympathieträger der Fußball-WM vor. Island kam allerdings beim 3:0 Erfolg der Mittelamerikaner schwer an seine Grenzen und muss trotz aller Vorschusslorbeeren noch eine Schippe drauflegen, um eine ähnliche Sensation wie bei der letzten Europameisterschaft zu wiederholen.

Die in die Schlagzeilen geratene Nationalmannschaft aus England absolvierte ihr Testspiel gegen das ebenfalls in der Qualifikation gescheiterte Holland. Das 1:0 Endergebnis zu Gunsten der WM-Teilnehmer von der Insel wurde durch einige der 1.500 mitgereisten Fans getrübt. 90 Festnahmen war die traurige Bilanz der Amsterdamer Polizei bereits vor dem Spiel. So gut wie keine Zuschauer dagegen wollten die Nati aus der Schweiz in Athen gegen Griechenland sehen. Das Freundschaftsspiel, das sich den Namen durchaus verdient hat, endete im erschreckend leeren Rund des Athener Olympia-Stadions leistungsgerecht mit 4:1 für die Eidgenossen.

Des weiteren versuchte sich WM-Teilnehmer Japan an Mali und kam über ein bescheidenes 1:1 nicht hinaus, die Kangaroos aus Australien blamierte sich in Norwegen mit einer 1:4 Klatsche und Polen kam gegen Nigeria mit 0:1 unter die Räder. Außerdem machte Peru gegen Kroatien mit einem 2:0 dem Rest der Welt deutlich, dass man in den Anden zwar nicht daran glaubt, den Titel zu gewinnen, aber auch nicht vor hat, lediglich als Punktelieferant für andere Mannschaften nach Russland zu fahren.

Sicherlich, die Stunde der Wahrheit schlägt erst vom 14. Juni bis 15. Juli. Dennoch hat diese kleine Leistungsschau der bei der Weltmeisterschaft vertretenen Teams gezeigt, wo deren eklatante Lücken klaffen. Manche Schwächen waren vorhersehbar und der eine oder andere Makel ist garantiert noch auszugleichen. Bei anderen waren einfach die Gegner nicht maßgeblich genug. In der zu erwartenden Form jedoch haben sich an diesem Test-Wochenende lediglich Brasilien und Spanien präsentiert. Man darf also getrost davon ausgehen, dass diese beide Mannschaften auf jeden Fall zu den Titelanwärtern zu zählen sind.

[mb/russland.NEWS]

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