Tag 108 – Warum wir in Russland nicht die kostenlos angebotenen Züge nutzen

Tag 108 – Warum wir in Russland nicht die kostenlos angebotenen Züge nutzen

Muss mich heute mal selbst sortieren. Schauen, was Sache ist. Welche Tickets haben wir? Welche Flüge sind schon gebucht? Welche Unterkünfte stehen noch aus? Und so weiter.

Also, Tickets haben wir für die Partien unserer Mannschaft gegen Schweden und Südkorea. Da ich bereits eine Woche vor den Jungs nach Moskau reise, habe ich auch ein Ticket für das Vorrundenspiel gegen Mexiko. Achtelfinale? Noch keine Tickets, bei der FIFA-Verlosung konnten wir leider keine ergattern. Müssen dann kurzfristig direkt vor Ort in Russland tätig werden. Für’s Viertelfinale am 7. Juli in Samara wiederum haben wir Karten (für Norberto und mich; Michel und Lew werden dann schon wieder zurück in Deutschland sein). Das „Problem“: Die ziemlich teuren Karten haben wir, egal ob Deutschland noch dabei – oder bereits ausgeschieden ist. Halbfinale und Finale werden wir von zu Hause aus verfolgen (es sei denn, Putins Töchter machen was klar).

Kümmern müssen wir uns noch um die sogenannten Fan-ID’s, die gleichzeitig als Visum für Russland gelten. Da hat die FIFA mal was ausgesprochen Gutes arrangiert.

Gut außerdem: die kostenlosen Züge innerhalb Russlands, die die Spielorte zu den jeweiligen Spielen miteinander verbinden. Das Problem: Wollen wir von Sotschi mit dem Zug nach Kasan (vom Schweden-Spiel zum Südkorea-Spiel), dann bräuchten wir … etwa 36 Stunden. 36 Stunden! 36 Stunden Bimmelbahn – und du hörst alle Glocken in deinem Turm. Du müsstest das Turnier abbrechen. Sofort. Wegen Kinetose. Kommt also nicht Frage. Das wäre nicht zum Aushalten. Wir würden elendig zu Grunde gehen.

Ach ja … Kinetose … auch bekannt als Reisekrankheit. Warum das so schlimm ist? Nun ja, der Wikipedia meint zu den Symptomen:

„Im Vorstadium empfindet der Betroffene leichtes Unwohlsein, leichtes Frösteln, kalten Schweiß und ein leicht drückendes Gefühl in der Magengegend. Er wirkt müde bis schläfrig und desinteressiert, reagiert langsamer, spricht weniger, ist etwas blass im Gesicht.“

Anmerkung: So sehen wir im „normalen“ Leben eigentlich regelmäßig aus.

„Im Blut steigen die Spiegel der Stresshormone.“

Ist ebenfalls wie zu Hause – zumindest, wenn unsere Frauen in der Nähe sind.

„Bei zunehmender Reisekrankheit entstehen kalter Schweißausbruch, Gähnen, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Abgeschlagenheit, geistige Leere, Arbeitsunlust, …“

Ach!

„… Desinteresse bis hin zur Lethargie, Kopfschmerzen, Schwindel, Zwangsschlucken, …“

Das Gefühl des Zwangsschluckens haben wir sogar durchgehend (sieht man einmal von Phasen der Ernüchterung ab).

 „… Brechreiz, Sodbrennen und Erbrechen. Sowohl Rötung als auch Blässe und kalter Schweiß im Gesicht (infolge des gesteigerten Tonus der parasympathischen Anteile des vegetativen Nervensystems) können folgen. Erbrechen bringt nur kurzzeitige Erleichterung.“

Jo.

„Die Magen-Darm-Funktionen sind reduziert. Blutuntersuchungen zeigen, dass Stresshormone und ADH ausgeschüttet werden. Die wellenförmig an- und abschwellenden Beschwerden können tagelang anhalten. Schwere Seekrankheit ist begleitet von extremem Unwohlsein, Erbrechen bis zur völligen Magenleere (und bei längerem Anhalten des Erbrechens Dehydrierung), schwerer Depression und dem Gefühl, am liebsten sterben zu wollen.“

Oh mein Gott. Das Risiko wollen wir auf keinen Fall eingehen.

Was ich gerade beim Lesen des Artikels gelernt habe: Es gibt ein Pendant zur Seekrankheit (wenn einem also zum Beispiel auf einem schwankenden Schiff schlecht wird), und zwar die Landkrankheit Von der sind Seeleute bei Landgang betroffen. Was es alles gibt.

Weiter geht’s … Flugtickets … gebucht sind die Flüge von Deutschland nach Moskau (15. Juni), von Moskau nach Sotschi, von Sotschi nach Kasan sowie der Rückflug am 8. Juli nach Frankfurt.

Daneben ist Michel gerade dabei, eine Fahrt in der 1. Klasse mit der TransSib von Kasan nach Moskau zu buchen. Offen sind die innerrussischen Reisen von Moskau nach St. Petersburg (oder nach Samara, je nach Platzierung in der Gruppenphase; dass wir dort bereits ausscheiden, ist so ausgeschlossen wie dass Holland 2018 Weltmeister wird) und die Weiterreise von St. Petersburg (oder Samara) nach Wolgograd (früheres „Stalingrad“). In Wolgograd will ich mit Norberto einen Wagen mieten und Wolga aufwärts nach Samara zum Viertelfinale fahren. In Wolgograd ist ein Treffen mit meinem Freund Dmitri geplant, in Saratow eines mit Freunden von Norberto. Ansonsten fahren wir drei Tage einfach ins Blaue hinein. Egal wo wir rauskommen. Gebraucht werden wir schließlich überall. Gefühlt zumindest.

Unterkünfte … Gebucht haben wir bisher durchweg einfache, günstige Hotels in Sotschi und Kasan. In Kasan war fast alles ausverkauft, die Stadt scheint ziemlich „zersplittert“ zu sein, und wir konnten kein offensichtliches Zentrum ausmachen. Michel hat dann einfach ein Hotel in Stadionnähe gebucht. Kann ja nicht falsch sein.

Für St. Petersburg hat Michel vor Wochen auch schon ein Hotel ausgesucht. Weiß aber nicht, wo genau. Ist ja auch egal. Da wir nicht wissen, ob wir Gruppenerster werden – und damit auch nicht, ob wir überhaupt nach St. Petersburg reisen werden – hat sich Michel eine kostenlose Stornierung bis drei Tage vor der Ankunft offen gehalten.

Ich persönlich finde das Procedere einiger Internetanbieter zwar vorteilhaft und angenehm, da man kurzfristig noch absagen kann, ohne dass Kosten entstehen, andererseits aber auch irgendwie fraglich und ziemlich erschreckend. Das machen bestimmt viele Leute so, einfach ein Hotel buchen und dann stornieren, weil man es sich doch kurzfristig anders überlegt hat. Wie kann so ein System funktionieren?

Na ja, zum Glück geht es uns um Fußball, da kann jeder auf der Welt mitreden, ohne Ahnung zu haben. Bei Hotelreservierungen geht das nicht. Mir würden sich jedes Mal die verbliebenen Haare zu Berge stellen, wenn jemand tags zuvor kostenlos stornieren und die Zimmer deswegen leer stehen würden. Als Hotelmanager wäre ich da durchgehend überfordert.

Es sind jedenfalls noch einige Übernachtungen zu buchen: Für Moskau vom 16. bis 22. Juni. Oder für die Zeit ab Wolgograd. Und es fehlen noch drei Übernachtungen im Anschluss an Kasan. Mit Michel würde ich ja gerne unseren Chefredakteur von russia.news in Tarussa (etwa 100 Kilometer südlich von Moskau) besuchen gehen. Würden ihn und das Leben außerhalb der großen Städte gerne mal – wenn auch nur kurz – kennenlernen. Lew und Norberto dagegen würden lieber einen Tag länger in der russischen Hauptstadt verbringen. Mmhhh … müssen wir noch endgültig festlegen, wie wir das machen. Im Zweifel entscheidet unser Kapitän. Und das ist nun mal Michel.

Sightseeing und Kultur: Lassen wir wohl auf uns zukommen. Gesetzt ist nur eine Attraktion in St. Petersburg (hoffentlich kommen wir da überhaupt hin!). Dazu aber später mehr.

Fanartikel: Um die haben wir uns noch überhaupt nicht gekümmert. Ist ja noch Zeit. Nur Norberto hat sich bereits ein aktuelles Deutschland-Trikot zugelegt. Ob er da nicht etwas zu optimistisch war? Wenn er weiter so zulegt, passt er in drei Monaten vielleicht … nein … nicht vielleicht … – sogar mit Sicherheit nicht mehr rein. Zum Glück ist der neue Stoff extrem dehnbar und anschmiegsam.

Norberto steht im Zweifel eben alles.

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