Tag 122 – Von Maulwürfen, Kokosnüssen, Revolvern und einem Gipsbein

Tag 122 – Von Maulwürfen, Kokosnüssen, Revolvern und einem Gipsbein

Der Osterhase war da. Hat überraschenderweise ein Panini-Sammelalbum mitgebracht. Was mein Kleiner sich … ich meine, was ich mich gefreut habe! Für ihn natürlich. Der Kleine ist mittlerweile ja immerhin schon 15 und einen halben Kopf größer als ich. Glaube, das wär total uncool für ihn, er würde zusammen mit seinem Papa – stolz mit einem Panini-Heft unterm Arm – auf der Straße erkannt werden …

Es soll tatsächlich Fußball-Fans geben, die lückenlose WM-Sammlungen vorweisen können. Ich hab‘ das nie geschafft. Jeder stolze Panini-Album-Komplett-Besitzer kann heutzutage voll damit glänzen. Für Nostalgiker toll, dass sie sich die Alben aller Weltmeisterschaften per Video ansehen können. Zum Beispiel hier aus dem Jahr 1986:

Panini gab es zur WM erstmals 1970, in Deutschland seit 1978.  Die optisch bis zur aktuellen WM nachvollziehbare Frisurenentwicklung ist sensationell.

Noch ein Nachtrag zum Stadionbeitrag von gestern: Ich frage mich, wurden eigentlich schon mal WM-Spiele auf einem Braschenplatz ausgetragen? Wie war es 1930? Damals bei der ersten Fußball-WM in Uruguay? Rasenplätze dürften die Ausnahme gewesen sein. Fußballer mussten größtenteils wohl hart im Nehmen sein. Und keinesfalls zimperlich. Der Ronaldo, der wäre auf Hartplätzen gar nicht erst aufgelaufen. Der hätte sich stattdessen von vornherein ausschließlich um Frauen gekümmert.

Unsere Freunde aus Uruguay wurden mit einem 4:2 im Finale gegen Argentinien erster Titelträger der Fußball-Geschichte. Ursprünglich sollten alle Spiele im neu gebauten Estadio Centenario stattfinden. Es hatte aber so viel geregnet, dass sich die Bauarbeiten verzögerten und es nicht rechtzeitig fertig gestellt werden konnte. Das offizielle Eröffnungsspiel der WM 1930 fand daher erst fünf Tage nach Beginn der WM am 18. Juli 1930 statt. Die Organisatoren wichen kurzerhand auf zwei andere Stadien in Montevideo aus, und so kam es, dass die allererste Paarung bei einer Fußball-Weltmeisterschaft Frankreich gegen Mexiko (4:1) lautete. Sagenhafte 4.444 Zuschauer verfolgten das Match. Vielleicht kamen deswegen so wenige, weil es mitten im südamerikanischen Winter stattfand und allen Beteiligten ein Schneegestöber zu schaffen machte.

Die WM 1930 wartete übrigens mit weiteren Kuriositäten auf:

Die Auslosung der Gruppen fand erst statt, nachdem alle 13 Teilnehmer in Uruguay eingetroffen waren. Man musste abwarten, welche Teams sich tatsächlich bis nach Südamerika durchschlagen konnten. Die Anreise war damals sehr kostspielig – und äußerst beschwerlich. Aus Europa nahmen nur vier Teams die Strapazen auf sich: Rumänien, Frankreich, Jugoslawien und Belgien. Sie brauchten – aus heutiger Sicht unvorstellbar – drei Wochen. Auf dem Schiff. Seekranke eingeschlossen. Kein Wunder, dass die europäischen Teams hinter ihren Erwartungen zurückblieben. Nur Jugoslawien schaffte es ins Halbfinale.

Den wahrscheinlich ersten Sponsor der Weltgeschichte hatten dabei … die Rumänen! Sie bekamen von ihrem König Carol II. die Reise bezahlt. Er erließ außerdem ein Dekret, dass den Spielern drei Monate Urlaub zu gewähren sei. Aus Dank bekam er daraufhin den Beinamen „Der Fußballer“. England – Mutterland des Fußballs – war nicht dabei. Irgendwie erinnert es an seinen kürzlich erfolgten Abgang aus der Europäischen Union, denn an der WM 1930 nahmen die „Three Lions“ nicht teil, weil sie 1928 aus der FIFA ausgetreten waren. Ebenfalls freiwillig.

1930 war außerdem die einzige Weltmeisterschaft, bei der es keine Qualifikation gab. Vielleicht sollte das – Holland zuliebe – wieder eingeführt werden. Mit ihren Wohnwagen würden die jedenfalls überall hinkommen.

Nicht ganz mit rechten Dingen ging es bei der Vorrundenpartie Argentinien gegen Frankreich zu: Es kam zu einer kapitalen Fehlentscheidung, als der Franzose Langiller beim Stand von 0:1 alleine auf das argentinische Tor zulief und der brasilianische Schiedsrichter Rego kurzerhand und aus unerklärlichen Gründen das Spiel abpfiff. Ganze vier Minuten zu früh. Als es bemerkt wurde, holte man die Spieler, die bereits in den Umkleidekabinen waren, wieder auf’s Feld und ließ die vier Minuten nachspielen. Geholfen hatte es den Franzosen nicht mehr.

Im Vorfeld des Endspiels konnte man sich nicht auf einen Spielball einigen. So kam es, dass in der ersten Hälfte mit einem argentinischen und in der zweiten mit einem Ball der Urus gespielt wurde.

Abstrus auch, was sich unmittelbar vor dem Finale abspielte: Den Zuschauern wurde doch tatsächlich untersagt, Schusswaffen mit ins Stadion zu nehmen. Das soll ein Wunsch des belgischen Schiedsrichters John Langenus gewesen sein. Im Zuge durchgeführter Leibesvisitationen sollen schlappe 1600 Revolver eingesammelt worden sein.

Eine schöne Geste zeigten die Bolivianer: Jeder Spieler lief vor dem Spiel gegen Jugoslawien mit einem Buchstaben des Ausspruchs „Viva Uruguay“ auf – zu Ehren der hundertjährigen Unabhängigkeit Uruguays. Sein erstes WM-Tor gelang Bolivien übrigens erst 64 Jahre später: bei der WM 1994 in den USA.

Wenig gut lief es auch für die Peruaner, die sich in ihrem ersten WM-Spiel bereits in der ersten Minute ein Gegentor einfingen. Sage und schreibe 300 Zuschauern waren im Stadion zugegen.

Beim Halbfinale Argentinien gegen die USA (6:1) erlitt Mittelläufer Raphael Tracey in der 19. Minute einen Beinbruch – spielte aber bis zur Halbzeit durch. Auswechslungen gestattete das Reglement nicht. Was mich beschäftigt: Wenn es medizinisch damals schon möglich gewesen wäre, wäre Tracey mit einem in der Halbzeit schnell hergestellten Gipsbein wieder zur 2. Hälfte aufgelaufen? Womöglich schon. Wie auch immer: Erst seit 1970 dürfen Ersatzspieler eingewechselt werden.

Der Spieler Luis Monti lief 1930 übrigens mit Argentinien auf und wurde 1934 Weltmeister – allerdings mit Italien. Vielleicht hat das etwas mit den Morddrohungen zu tun, die er vor dem Finale gegen Uruguay erhielt, sollte er im Finale spielen.

Der eben schon erwähnte Unparteiische Langenus, der für das Einsammeln der Revolver gesorgt hatte, hatte nur unter einer Bedingung zugestimmt, das Endspiel zu leiten: Es musste ihm eine Stunde nach Abpfiff ein Boot im Hafen für eine etwaige Flucht zur Verfügung gestellt werden. Uruguay gewann letztlich, obwohl Monti in der Aufstellung stand. Und der Schiedsrichter konnte sich mit der Heimreise Zeit lassen. Die Siegesfeierlichkeiten sollen sich über mehrere Tage und Nächte erstreckt haben.

Star der Urus war José Leandro Andrade, genannt „La Maravilla Negra“ („Das schwarze Wunder“). Er war der erste Schwarze im internationalen Fußball. Bekannt wurde Andrade bereits 1924, als er an den olympischen Spielen in Paris teilnahm und mit Uruguay die Goldmedaille gewann. Bis dahin hatte der gemeine Europäer so gut wie noch nie einen Schwarzen gesehen, geschweige denn Fußball spielend. Ein deutscher Korrespondent schrieb damals bewundernd über ihn (in bestem Kolonialherrendeutsch; heute – zu Recht – unvorstellbar):

„Bei den Läufern vertrat ein waschechter Neger namens Andrade eine exotische Note mit seiner Couleur. Aber der Mann kann mehr. Ein zielbewussteres, taktisch vollendeteres Spiel lässt sich kaum denken. Sein fabelhaftes Können rief spontan Beifall hervor. Der lange Andrade fällt durch sein bevorzugtes Kopfballspiel auf. Die Neger scheinen Schädel wie Kokosnüsse zu haben.“

Zurück zu den Stadien. Ob 1930 tatsächlich einzelne WM-Partien auf Braschenplätzen stattfanden, lässt sich nicht mit Gewissheit nachvollziehen, ist aber denkbar, da zwei alternative Stadien wegen der Bauverzögerung des seinerzeit schon 80.000 Zuschauer fassenden Estadio Centenario kurzerhand als Spielorte in die Presche springen mussten.

Was ich allerdings sicher sagen kann, ist, dass – obwohl in den vergangenen Jahren sehr viel in Natur- und Kunstrasenplätze investiert worden ist – es im Saarland trotzdem noch den ein oder anderen Hartplatz gibt. Dort tragen dann vor allem Kinder und Jugendliche ihre Spiele aus. Wird man da mal von den Beinen geholt, reicht ein schmuckes „Bienen-Pflasterchen“ in der Regel nicht aus, um die wochenlang nacheiternden Wunden an den Knien zu heilen.

Als Vorteile eines Braschenplatzes gegenüber einem Naturrasen- bzw. einem Kunstrasenplatz werden genannt: ein geringerer Anschaffungspreis, ein geringerer Pflegebedarf (und damit geringere Unterhaltungskosten), eine höhere Belastbarkeit und die Bespielbarkeit auch bei schlechter Witterung. Wikipedia ist sogar überzeugt (Zitat):

„Probleme mit Maulwurfshügeln treten so gut wie nie auf.“

Aha. Gut. Im Gegensatz zu Flugenten, Katzen, ihr Geschäft erledigenden Hunden, Eichhörnchen, Mardern oder gar Kühen ist mir nicht bewusst, dass Maulwürfe mal eine grabende Rolle während eines Matches spielten. Aber tatsächlich. Als ich neugierig geworden nach den Begriffen „Maulwurf“ und „Sportplatz“ im Internet recherchierte, spuckte der Google folgendes Foto aus („Anarcho-Maulwurf sabotiert Fußballplatz“):

http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/anarcho-maulwurf-sabotiert-fussballplatz_443675

Apropos Maulwurf: Wär‘ ich einer, würde ich dem Löw noch den Götze für den WM-Kader unterjubeln. Aber immerhin: Im aktuellen Panini-Album ist Götze dabei. Hoffentlich sammelt der Löw auch Bilder. Dann hätte unser WM-Held von 2014 durchaus noch eine reelle Chance auf die WM-Teilnahme.

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