Tag 125 – Ein Bauer im Haus

Tag 125 – Ein Bauer im Haus

„Eins muss man dir echt lassen, Osvaldo“, höre ich meine Frau hinter mir. Erschrecke total. Hat sie sich doch rangeschlichen und taucht unmittelbar in meinem Nacken auf. Ihren Kopf mittlerweile direkt neben meinem linken Ohr. Habe den Eindruck, dass sie ziemlich neugierig guckt, was ich schon wieder mache. Ich mache ja immer irgendwas. Im Moment sitze ich – mal wieder – am Computer und fuhrwerke damit rum.

Damit rumfuhrwerken ist ein Synonym für „wichtige Sachen aller Art machen“. Na ja. Jedenfalls fährt sie in einem Ton höchsten Erstaunens fort: „Du traust dich wirklich überall ran.“

„Ja, ja, klar“, antworte ich, so dass sie es hört. Durchaus etwas mit Stolz erfüllt. Und gleichzeitig schießt es mir durch den Kopf, aber so, dass sie es nicht vernimmt: „Wie sonst soll ich dich denn damals kennengelernt haben?“

Ich hab‘ noch heute die Worte eines Arbeitskollegen im Ohr, der – nachdem ich ihm meine damalige Freundin vorgestellt hatte – vor sich hin murmelte: „Die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln.“ Weiß bis heute nicht, was er damit meint. Ist aber auch egal.

Auf dem Bildschirm erkennt meine Frau jede Menge Schieberegler, Tastaturen, Wellenlinien, übereinandergelegte Fenster, bunte Drehknöpfe und und und …

„Sag‘ nur, du willst das jetzt echt wahrmachen mit deinem Hörbuch?“

„Ja, klar!“, rufe ich hocherfreut und noch stolzer dreinblickend. „Toll, dass du das auf Anhieb erkannt hast, wo du es doch mit der Technik nicht so hast.“

„Wie ein Tonstudio aussieht, weiß ich aber. Und das da sieht mir ziemlich danach aus.“

Gucke sie immer noch ganz stolz an.

„Ja. Ich geh‘ jetzt ran und schneide und bearbeite und sample und mastere und exportiere und was weiß ich noch alles die über 100 Dateien, die mein Freund Moritz im Dezember im Partykeller eingesprochen hat.“

Eingelesen hatten wir das Buch „Die Truppe: Logbuch eines Tagediebs: Wie wir den Pott nach Deutschland holten“.

Boah. Wenn ich daran zurückdenke. War nicht einfach. Aber Moritz hat das hinbekommen. Ausgezeichnet sogar. Er ist eben Profi. Echter Schauspieler.

Nun gut … dass er ausgerechnet mich an seiner Seite hatte, damit hatte er nicht unbedingt gerechnet, als er zusagte, das Projekt anzugehen. Aber ich geh‘ eben überall ran. Wie meine Frau schon sagte.

Moritz fragte damals, als wir loslegen wollten:

„Wie weit ist das Tonstudio weg? Für wie viele Tage hast du es angemietet?“

„Ähhh, … wir machen das … bei uns … im Keller.“

Staunen.

„Ach so. Wusste nicht, dass du sogar ein Tonstudio zu Hause hast.“

„Ähh … hab‘ ich … auch nicht. Aber es ist so gut wie ein richtiges. Fast zumindest. Machen wir im Partyraum. Ist mit Teppich ausgelegt und absolut schalldicht isoliert. Da kommt kein Ton durch. Man hört absolut nix. Außer den Atemgeräuschen der Leute, die im Raum anwesend sind. Nach außen dringt absolut nix. Und von außen nach innen auch nicht, da bin ich sicher. Ganz sicher.“

„Wie du meinst. Du bist der Chef. Wer führt Regie bei der Aufnahme?“

„Ähh … ich.“

„Wer ist dabei, der sich mit den Aufnahmemodalitäten für ein Hörbuch auskennt?“

„Ähem …“

„Und das ganze Equipment …?“

„Nun …“

„Ja, ok. Iss klar. Sag nur, du hast alle Teile selbst angeschafft? Mikrofon? Software für die Aufnahme? Kabel, die wir brauchen? Wer sagt mir, ob die Aufnahme gelungen ist oder nicht?“

Bevor ich antworten kann, ich schaue ihn ja bloß an …

„Nee, sag‘ nix. Ist nicht wahr. Ich bin fassungslos.“

„Doch. Ich bin’s. Ich mach‘ alles. Von der technischen Ausstattung über die Aufnahmeleitung bis zum letzten OK für jedes einzelne Take.“

„Hast du denn wenigstens auch an den Pop-Schutz gedacht?“

Was meint er denn jetzt damit? Wir wollen eine Aufnahme starten und er denkt ans Bumsen. Was ist nur mit ihm los?

Moritz merkt, dass ich ihn nicht verstehe.

„Na, das Teil, das vor das Mikrofon gespannt wird, damit beim Sprechen die P-Laute reduziert werden.“

„Ach so. Ja. Das habe ich. Und für das Mikrofon sogar eine Spinne.“

Jetzt ist er es, der ganz ungläubig dreinblickt.

„Na, das Teil, in das man das Mikrofon hinein stellt, damit es nicht so vibriert und kleinere und größere Erschütterungen besser abgefangen werden können. Damit das Mikro weniger Nebengeräusche aufnimmt.“

„Ach so. Ok. Das ist gut. Das brauchen wir.“

Wie recht er behalten sollte. Leider.

Wie auch immer. Hab den Eindruck, Moritz stöhnt. Wieso senkt er jetzt auf einmal seinen Blick? Die Hände zu den Hüften führend und den Blick wieder hebend sehe ich, wie er mit „Duck-Face-Lippen“ langsam ganz viel Luft auspustet und dabei leise, mit einem Schuss Verzweiflung in der Stimme, ja fast sogar schon etwas flehentlich, anbringt:

„Komm, wir trinken erstmal ein Bier.“

Dem wollte ich dann nicht widersprechen. Für solche Sachen opfere ich mich gerne. Kann mich ja nicht allem entziehen.

„Ja, komm! Erstmal das Wesentliche“, klopfe ich ihm anerkennend auf die Schulter.

„Du machst echt alles in einem?“, wollte er noch ein letztes Mal wissen, ehe wir die erste Flasche am Wickel hatten.

Komischerweise wartete er die Antwort schon gar nicht mehr ab. Nach seinem ersten Zug war die Flasche halb leer. Aber er sah jetzt schon ein klitzekleines bißchen zufriedener aus. Und seine Laune sollte sich im Laufe des Abends zunehmend steigern.

Nach etwa sieben bis acht Bier waren wir uns einig. Wir machen das jetzt so. Wie besprochen und festgelegt.

Wie das aussieht? Nun, als wir begannen, wussten wir es selbst noch nicht so genau. Es war jedenfalls kein Wunder, dass wir die Aufnahmen für die etwa 30 Seiten, die wir im Anschluss an unsere Überlegungen, also im Anschluss an die gerade gezischten Biere, noch zustande brachten, am nächsten Tag, als wir sie uns anhörten, freiwillig löschten und sie neu aufnahmen.

Die Aufnahmen dauerten knapp eine Woche. So ein Hörbuch einlesen, das ist schon eine stressige Angelegenheit. Jeden Tag mussten wir Bier trinken. Wir verlagerten diese Zeremonie von da an aber  immer ans Ende des Tages. Als alle Aufnahmen abgeschlossen waren. Und so bis an die zehn Bier pro Abend hatten wir uns ja auch verdient – Sprecher Moritz und sein Toningenieur, Regisseur, Regieassistent und Gute-Laune-Macher Osvaldo.

Das schwierigste Take hob sich Moritz für den Schluss auf. Da ging es um etwa 15 Sätze auf Portugiesisch. Für jemanden, der noch nie in seinem Leben vorher ein Wort in dieser Sprache gesprochen hatte, machte er seine Sache gar nicht schlecht. Ich würde sagen, er war … sogar … ziemlich fantasievoll.

Moritz blühte im Laufe der Woche mehr und mehr auf und fand es am Ende schade, dass denn schon alles eingelesen war. Er war voll in seinem Element. Und ich auch. Moritz las nicht nur, als sei er selbst in Brasilien dabei gewesen, nein, er äffte sogar einen krähenden Hahn, einen etwas lauter schlafenden Norberto und einen lebendig gewordenen Klappladen nach.

Alles lief natürlich nicht nach Plan. Soweit man überhaupt von Plan sprechen konnte. Es kam eben öfters etwas dazwischen. Moritz‘ Stimme – geölt vom abendlichen Bierschnubbeln – musste mit gefühlt ca. einem Kilogramm Ingwer auf die Sprünge geholfen werden. Der soll angeblich die Stimme glätten. Möchte nicht wissen, wie die Aufnahme ohne Ingwer geklungen hätte. Sowas Rest-Rauchiges in der Stimme, das hat was.

Gut, die bei einem 5-Personen-Haushalt üblichen Geräusche konnte man nicht völlig verhindern. Im Gegensatz zu meinen Verlautbarungen wurden diese diversen Unruheherde auch nicht geblockt, sondern drangen – total überraschend – bis ins Aufnahmestudio durch. In den dadurch verursachten Zwangs-Lesepausen gab es immer Ingwer. Irgendwann aß ich mit. War aber nicht meins. Heute bin ich ingwergeheilt – also nie wieder Ingwer.

Mit welchen Geräuschen wir zu tun hatten? Nun … zum Beispiel mit WC’s. Wir hatten den Eindruck, das abgespülte Wasser lief ungefiltert direkt ins Mikro hinein. So laut hörte man das. War eben ein unglücklicher Umstand, dass die Abwasserleitung beim Bau des Hauses ausgerechnet in der Zimmerwand unseres Aufnahmestudios verstaut worden war. Jedenfalls führte das im Laufe der Woche dazu, dass sich Moritz bemüßigt fühlte, an die beiden WC’s ein Schild anzubringen („Toilettengänge bis auf Notfälle bitte tunlichst vermeiden“).

Es war Winter. Und kein Wunder, dass die Heizung laufend ansprang. Und Moritz dabei öfters mal aus der Hose. Der Heizungsraum ist bei uns im Keller. Ausgerechnet unmittelbar neben dem Partyraum.

Tja, und wenn im Stockwerk obendrüber die drei Kinder fuhrwerkten (den Begriff kennt ihr jetzt ja schon, auf Details möchte ich an dieser Stelle aber nicht eingehen, ich möchte Moritz nicht schlecht aussehen lassen und will – tunlichst! – vermeiden, seine jeweiligen Reaktionen zu beschreiben), dann vernahm man diese Auswirkungen zu meiner ganz, wirklich ganz, ganz großen Überraschung eben auch im Aufnahmestudio.

Und manchmal wackelten – leider, leider – im wahrsten Sinne des Wortes auch mal die Wände. Nämlich dann, wenn die Kinder zusätzlich Besuch von Freunden bekamen. Was will man auch machen. Im Winter spielt es sich drinnen eben besser als draußen.

Eine harte Zeit.

Bei sämtlichen Störgeräuschen mussten wir das Take wieder von vorne aufnehmen. Pffft. Das kam – leider, leider – ziemlich oft vor. Ich hatte dann auch stets den Eindruck, dass Moritz – leider, leider – es unbedingt schaffen wollte, jedem einzelnen tagsüber vernommenen Störgeräusch abends ein Bier entgegenzusetzen.

Mittlerweile, vier Monate später, sehe ich das ganze Tohuwabohu während der einwöchigen Aufnahmezeit etwas gelassener. Und kann sogar drüber grinsen. Moritz bestimmt auch. Es sei denn, er hat immer noch diese Ingwervergiftung.

Schade finde ich, dass wir die ganzen Takes mit den Störgeräuschen gelöscht haben. Ich überlege, diese aber extra wieder aufzunehmen und quasi dem Hörbuch ein „Making-Of“ beizufügen, damit jeder die Unwägbarkeiten nachvollziehen kann, mit dem der arme Moritz ständig zu kämpfen hatte.

Moritz hat’s aber gut. Er hat das Schlimmste hinter sich. Er war ja nur zeitweise mit mir zusammen.

Zurück zum Anfang, zu meiner Frau. Hat die ein Glück mit mir! Hat einen Bauern, der sich an alles rantraut und dann die schönsten Kartoffeln einfährt.

Im Schach ist es ähnlich, glaube ich. Da wandelt sich der Bauer, wenn er gut marschiert, zu einer anderen Figur um. Sogar zur besten Figur im Spiel, nämlich der Dame. Quasi ein Joker auf dem Brett. So gesehen hat meine Frau einen Joker im Haus. Allerdings noch einen eher unentdeckten. Wie einen Bauern im Schach eben: Für alles gut – aber solange er sich noch nicht verwandelt hat, leider irgendwie doch zu nichts zu gebrauchen.

Egal. Ich mache mich jetzt mal ans Hörbuch ran.

COMMENTS

WORDPRESS: 0
DISQUS: 0