Tag 129 – Trappatoniphobie

Tag 129 – Trappatoniphobie

Au Mann. Bin total alle. Völlig geschlaucht. Das Fest unserer Kleinen ist vorbei.

Hatten sogar Gäste aus dem Schwäbischen. Die machen einen ganz „worres“, also ganz durcheinander. Immer, wenn ich gerade auf dem Sprung war, etwas zu erledigen, bekam ich zu Ohren:

„Geh‘, wart amol  g’schwind!“

Boaaaah! „Was denn jetzt?“, hab‘ ich gefragt. „Gehen, warten? Oder was? Und das auch noch möglichst schnell?“

„Genau!“, schallte es mir vielstimmig entgegen. Und: „Endlich mal einer, der uns versteht!“

Blickte trotzdem etwas skeptisch zurück. Ich sollte also mit dem Ausführen meiner gerade zu bewältigenden Aufgabe bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, den ich nicht selbst bestimmen darf, warten, mich danach aber um so mehr damit beeilen. Also mit dem Warten beeilen. Aha.

Auf solche Ideen kommt nicht mal meine Frau. Mit der hab ich mich heute übrigens wieder hervorragend verstanden. Und ergänzt haben wir uns auch glänzend. Obwohl das kaum einer glauben will – oder kann –, sind wir doch ein ausgesprochen eingespieltes Team. Es ist so, dass ich überall meine angebrochenen Bierflaschen stehen lasse (weil ich mich ja grad am beeilen bin, für irgendwas zu warten), meistens halb voll, und ehe ich sie wieder gefunden habe, sind sie auch schon abgeräumt. Von überall – einfach weg. Ich kann sie noch so gut positionieren – immer sind sie nach ein paar Augenblicken … entsorgt. Gegen meinen Willen.

Anfangs hab‘ ich noch versucht, sie zu suchen. Weil ich ja auch ab und zu etwas durcheinander bin und nicht immer weiß, was ich wann wie gemacht habe. Aber irgendwann habe ich gemerkt: „Osvaldo, das hängt gar nicht an dir. Da ist nur jemand schneller als du.“

Selbst beobachtet habe ich die Szenerie noch nie. Aber das ist so, das ist Fakt. Meine Frau hat es mir quasi selbst gestanden, unwissend, dass sie denjenigen, den sie verdächtigt, unmittelbar vor sich hatte. Nach der Feier machte sie sich mit einem tiefen Seufzer Luft: „Was da wieder für Flaschen überall rumstanden. Unglaublich. Alle angebrochen. Können diejenigen ihre Flaschen denn nicht mal leer trinken?“

Tja. Ich hab dann einfach mal die Sache auf sich beruhen lassen. Und geschwiegen. Gut, der tatsächliche Bierverbrauch war dadurch zwar etwas verfälscht. Jedenfalls hatte ich den ganzen Tag heute Glück, denn ich konnte mangels Wiederauffinden der angebrochenen Flaschen zu jedem Zeitpunkt auf neue, wohltemperierte Bierflaschen aus dem Kühlschrank zurückgreifen. Was für ein Fest!

Vielleicht hatte meine Frau aber auch nur Angst vor der „Broken-Windows-Theorie“, die ich ihr vor ein paar Tagen erklärt hatte: Deren ursprüngliche Bedeutung kommt daher, dass – ist erst einmal ein Fenster an einem leer stehenden Haus eingeschlagen – es nicht lange dauert, bis alle Fenster zerdeppert sind. Sieht man bei vielen verfallenen Häusern ohne Fenster. Hatte ich mal gelesen.

Da meine Frau diese Theorie nicht völlig nachvollziehen konnte (ich kann ja nicht so gut erklären), hab ich auf einem anderen Weg versucht, es ihr verständlich zu machen:

„Stell‘ dir vor, wir haben Party. Eine Stehparty mit vielen Gästen. Stellt jemand seine leere Flasche auf einem nicht benutzten Stuhl ab, dann kannst du davon ausgehen, dass der Stuhl innerhalb kürzester Zeit voll mit Flaschen steht.“

Das könnt ihr auch mal selbst probieren. Stellt mal auf einer vollen Party eine leere Flasche auf einen leeren Stuhl und beobachtet dann, was passiert. Ihr werdet staunen!

Das hatte meine Frau dann jedenfalls verstanden. Und vielleicht ist das dann auch der Grund gewesen für ihr schnelles mir hinterher Räumen:

„Angst vor sich mit leeren Flaschen füllenden Stühlen.“ Gibt es eine solche Phobie? Wie nennt die sich?

Bei mir könnte durchaus Ähnliches diagnostiziert werden: „Angst, sich mit leeren Flaschen volllaufen lassen zu müssen.“ Sie nennt sich Trappatoniphobie. Ist noch nicht offiziell anerkannt und noch nicht sonderlich bekannt. Aber ich glaube, wenn sich einige Leser mit unsrer Truppe verbünden, schaffen wir’s problemlos in diverse Gesundheitslexika. Kommt heute ja fast alles rein.

Die schlimmste Phobie, die ich kenne, und vermutlich auch die schwerwiegendste Phobie auf der ganzen Welt, heißt übrigens Anatidaephobie:

Die Angst, von Enten beobachtet zu werden.

In diesem Sinne: Gute Nacht, ihr Enten.

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