Tag 130 – Warum Bargeld nicht abgeschafft werden sollte

Tag 130 – Warum Bargeld nicht abgeschafft werden sollte

Gestern war Ostersonntag in Russland. Wie mir unser Freund Guntar berichtete, bei „frühlingshaftem Wetter“. Meine Frau hat wirklich gar keine Ahnung, fragte mich, warum Russland „eine Woche Verspätung“ mit Ostern hat. War kurz davor zu antworten: „Na, wegen der Zeitverschiebung!“

Aber ich glaube, das hätte sie mir nicht abgenommen. Da ich mich mich Russland ein wenig beschäftigt habe, konnte ich es ihr sogar richtig erklären (siehe Tag 123).

Das ist zumindest eine der wenigen Konstanten in unserer Beziehung: In der Regel weiß ich nicht so viel wie sie, aber wenn ich denn mal etwas Schlaues sagen – und sogar erklären – kann, womit sie gar nicht gerechnet hat, tja … dann … ist sie manchmal hin und weg von mir. Kommt aber eher selten vor. Für Überraschungsmomente bin ich trotzdem immer gut. In beide Richtungen. Positiv wie negativ. Letzteres überwiegt (zum Leidwesen meiner Frau).

Guntar machte von Samstag auf Sonntag kaum ein Auge zu, wie er mir berichtete. So weit die Ohren hörten – Glockenläuten. Fast die ganze Nacht durch.

Hat sich da vielleicht jemand verbimmelt? Kommt ja schon mal vor. Man trinkt ein bis zwei Wodka, Liter wohlgemerkt, und im Nu hält man sich an den Glockenseilen fest, um nicht aus dem Kirchturm geschleudert zu werden.

Au Mann. Auch ich habe gestern und heute die Glocken dröhnen gespürt. So ein Fest ist zuweilen super-schön, aber auch ziemlich anstrengend. Wehre mich ja auch eigentlich nie, wenn ein Gast mit dem Gastgeber, also mit mir, einfach mal auf die Kleine anstoßen möchte. Lege so gesehen immer alles rein in den nächsten Schluck. Wer kann schon nein sagen, wenn es um die Zukunft deines Kindes geht!

Konnte nachts dann nur im Sitzen schlafen. Wie Guntar hörte ich diverses Geläut. Nur anders. Man wird ja älter und die Organe funktionieren bei größerer Belastung eben nur noch eingeschränkt. Hatte einfach zu viel gefuttert. Und zu viel geschnubbelt natürlich auch.

Heute, kurz nach Mittag, aber noch vor „Nachmittag“, kam überraschend und offensichtlich ziemlich spontan Norberto vorbei. Wollte ursprünglich nur ein Geschenk für die Kleine in den Briefkasten stecken. Hab‘ ihn durch Zufall geseh’n, und dann natürlich rein gerufen. Und was hat er dann abgeräumt!

Nein, nicht das Geschirr vom Vortag. Bei uns auf dem Land ist es Tradition, dass am Tag nach einem großen Fest, das zu Hause gefeiert worden ist, die Nachbarschaft zum Gratulieren vorbeikommt. Norberto ist zwar kein direkter Nachbar, aber er hat eine gute Lunte. Hintergedanke der Nachbarschaftstreffen ist, dass dann die Gastgeber die Reste vom Vortag (falls denn noch welche übrig sein sollten), noch gut an den Mann bringen können, vor allem Kuchen, um den geht in erster Linie, aber auch nicht verputzte Partyschnitzel, Rinderbraten, diverse Gemüse, Salate, Lauchspätzle und so weiter. Norberto konzentrierte sich auf das Fleisch. Gemüse und alles Grüne ließ er unangetastet. Um es kurz zu machen: Er wurde zu einer unerwarteten, hervorragenden Hilfe.

Die später eintreffenden Nachbarn ahnten nichts. Hätten sie Norberto noch gesehen, sie hätten den Braten gerochen. Oder vielmehr eben nicht – denn vom Fleisch war nix mehr übrig. Lange Gesichter mussten sie trotzdem nicht machen. Sie wunderten sich zwar, dass wir „so gut mit dem Essen geplant“ hätten. Zum Glück war es so, dass – als Norberto mit dem Hauptgericht abgeschlossen hatte – bei ihm zum Nachtisch nicht mehr viel ging. Kuchen war jedenfalls noch massig vorhanden. Meine Nachbarschaft wusste es zu schätzen.

Bei dieser Gelegenheit erzählte mein Papa eine kuriose Story: Jahrelang zahlte er Mitgliedsbeiträge, und zwar bei unterschiedlichen Fußballvereinen. Allesamt aus der Region. Fast überall, wo er einen guten Kumpel wohnen hatte, war er Mitglied im örtlichen Fußballverein. Da kam ganz schön was zusammen an Mitgliedsbeiträgen. Seine Frau, also meine Mutter, durfte davon aber um Gottes Willen nix erfahren. Love, Peace and Freedom. Und so kam es, dass er jahrelang sämtliche Beiträge immer bar bezahlte. Das ging lange gut, sehr lange, bis … ja, bis er dazu auserkoren wurde, in einem dieser Vereine Vorsitzender zu werden. Nur mit Mühe konnte er sich dagegen wehren, denn spätestens dann wären seine Schwarzgeldzahlungen ans Tageslicht gekommen. Mittlerweile ist es verjährt. Aber ich glaube, er freut sich immer noch diebisch darüber. Muss eine gute Zeit gewesen sein.

Heutzutage leider undenkbar. Allein das aber ist ein Grund dafür, Bargeld an sich nicht abzuschaffen (wie das ja von vielen Seiten gefordert wird).

Man weiß nie, wozu man es brauchen kann.

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