Tag 136 – Auf Alarmstation

Tag 136 – Auf Alarmstation

Wir sind heute zu einer Feier bei einer befreundeten Familie eingeladen. Sie riefen uns gerade an und fragten, ob wir noch Pappteller mitbringen könnten, damit bei Ende des Festes der restliche Kuchen auf die Gäste zum Mitnehmen aufgeteilt werden kann. Pappteller hatten wir zum Glück noch. Aber da fing der Streit auch schon an. Könnt ihr euch vorstellen, meine geliebten runden Pappteller sind von meiner Frau verschmäht worden, weil sie meint, sie passten nicht zum Motto des Festes und würden auf wenig Gegenliebe stoßen, nur weil ein Fußball-Motiv drauf ist? Ich glaube, Frauen sind einfach komplizierter als Männer. Ergebnisorientiert ist das jedenfalls nicht. Würde der Löw so Fußball spielen wie Frauen denken, dann würde er ausschließlich Angreifer aufstellen: also elf Mittelstürmer, nur weil der Ronaldo so gut aussieht. Au Mann.

Heute in zwei Monaten geht es übrigens los. Aufbruch nach Russland. Noch während der Abiturfeier unserer Ältesten. Verstehe nicht, wie man eine Abifeier mitten in eine laufende Fußball-WM legen kann. Na ja, ich musste mir jedenfalls einiges anhören. Da war Holland in Not. Zwölf Jahre lang habe ich für diesen Abschluss Tag für Tag mitgelitten, aber wenn ich dann mal nicht bis zur letzten Sekunde dabei bleibe, wird der Hund in der Pfanne verrückt gemacht. Na ja. Mittlerweile ist es ausgeräumt.

Abfahrt mit dem Zug wird jedenfalls um 22.20 Uhr sein. Ein paar Stunden später dann Ankunft in Köln/Bonn und mit Aeroflot mit einem Zwischenstopp in Wien nach Moskau. Ich mache ja die Vorhut und bin schon rund eine Woche vor meinen Jungs in Russland. Bin sozusagen der Alarmposten. Ich soll bis zu ihrer Ankunft schon mal alles auskundschaften. Ob meine Kumpels wissen, was sie sich da eingehandelt haben?

Alarmposten war ich schon einmal. Bei der Bundeswehr. Damals, muss etwa Anfang 1989 gewesen sein, war ich bei einem gemeinsamen großen Manöver der amerikanischen und deutschen Streitkräfte als ABC-Alarmposten vorgesehen. Weiß der Geier warum. Nach Abschluss der Vorübung zu diesem Manöver, also quasi der Generalprobe vor dem großen Auftritt (alle meine Kameraden aus dem gleichen Zug schnitten hervorragend ab und bekamen als Note eine Eins, nur „der Alarmposten eine Sechs“), wurde ich aus dem Verkehr gezogen. Ich sehe noch heute das bestürzte Gesicht meines zuständigen Stabsunteroffiziers vor mir. Eine Mischung aus Weinen, Nicht-Wahrhaben-Wollen und purer Verzweiflung. Neun mal eine 1, ein Mal eine 6. Er konnte es einfach nicht fassen. Mir dagegen war das … ja, irgendwie schon klar, von vornherein sogar. Für mich kam das alles nicht überraschend. Als ich als Ablösung zum vorgeschobenen Alarmposten geschickt worden war, sah ich mich unvermittelt mit ganz vielen technischen Geräten konfrontiert, die ich hätte kennen und bedienen können müssen, aber – ich schwöre! – vorher nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte. Glaube ich mal.

Aber nicht nur das. Urplötzlich tauchte vor mir ein angeblicher Prüfer auf, dem ich im Einzelnen erklären sollte, wie die Geräte bedient werden und was ich als Alarmposten machen soll. Tja. Das hatte ich mich auch gefragt. Bis zu dem Zeitpunkt, in dem der Prüfer vor mir stand, interessierte mich die Frage aber … sagen wir mal … höchstens peripher. Dann aber war alles anders. Einem Prüfer gegenüberstehend, diversen mir nichts sagenden Geräten hilflos ausgesetzt und weit und breit keine Fluchtmöglichkeit. Weiß bis heut noch nicht, wie der Prüfer überhaupt auf einmal neben mir stehen konnte, ohne dass ich ihn kommen sah. Das war ja schon mal die erste Überraschung. So ein Alarmposten hat es nicht leicht. Aber ist es nicht normal, dass man, selbst mitten am Tag, manchmal etwas schläfrig ist, wenn einen der Vorabend im Mannschaftsheim so geschlaucht hat?

Ich hatte dann kurz überlegt, einfach umzufallen und mich tot zu stellen. Gab mir dann aber (überheblicher Weise) einen Ruck und begann – zu dem Zeitpunkt aber bereits ahnend, dass das eine Katastrophe werden wird –, seine Fragen nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Vergeblich. Keine Eingebung, kein blasser Schimmer von der Materie.

Bei der anschließenden „richtigen“ Übung wurde unser Zug übrigens ausgezeichnet. Alles lief exzellent. Ich war ja nicht dabei. Durfte das ganze Treiben nur als Außenstehender verfolgen. Aber, aber! Sogar mein Stabsunteroffizier kam nach Ende des Manövers zu mir und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Ich gehörte so gesehen zwar zum Kader, durfte aber nicht auf der Ersatzbank Platz nehmen, sondern musste auf die Tribüne. „Wenn ich euch helfe, indem ich euch nicht helfe, dann tue ich eben auch das“, hatte ich ihm selbstbewusst gesagt. Na ja. Jedenfalls wurde ich folgerichtig zusammen mit meinen Kameraden ausgezeichnet. Gehörte ja zum gleichen Zug.

Manchmal muss man eben im falschen Moment was Falsches tun, damit was Richtiges dabei rauskommt. Minus mal Minus gibt ja auch Plus.

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