Tag 159 – Sag mir, was du isst – und ich sage dir, wie du schießt: Von Nasenpflastern und Kohlenhydraten

Tag 159 – 	Sag mir, was du isst – und ich sage dir, wie du schießt: Von Nasenpflastern und Kohlenhydraten

Ein guter Freund meldet sich. Es handelt sich bei ihm um denjenigen, mit dem ich 2010 vereinbart hatte (so gut wie auf Blutsbrüderschaft), gemeinsam auf Tour durch Brasilien zur WM 2014 zu gehen. Leider sprang er ab. Heute versucht er, bei mir wieder „auf gut Wetter“ zu machen. Will komischerweise nur noch Kyrill Failowatschkov genannt werden, aber beim Russland-Trip ist er trotzdem wieder nicht dabei. Egal, 2022 nach Katar zieht er bestimmt mit. Ist ja immerhin auch schon eine Weile verheiratet. Aber eben noch nicht so lange wie unsere aktuelle Truppe. Ist eben immer noch guter Hoffnung.

Egal. Heute schickte er mir jedenfalls folgenden Beitrag, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

„Ein Fußballspieler verbraucht an jedem Tag der Endrunde der FIFA-WM 2018 rund 3500 Kalorien. Das entspricht sechs Tafeln Schokolade oder 35 Bananen, wobei es sicher völlig verkehrt wäre, tatsächlich irgendwas dergleichen zu essen.

„Kohlenhydrate“ heißt das moderne Zauberwort der Fußballer-Ernährung. Bevorzugt angerichtet von einem extra eingeflogenen Sternekoch, der quasi im Doppelpass mit dem Mannschaftsarzt, dem Physiotherapeuten und dem Psychologen, dem Co-Trainer und dem Torwarttrainer ausgewogene Trainingskost kredenzt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Der Laptop hilft nicht nur bei der Spielanalyse, sondern ist auch bei der Ernährung von Jogis Jungs zum unentbehrlichen Begleiter geworden. Allerdings dürfen es nicht irgendwelche Kohlenhydrate sein: Zucker etwa treibt den Blutzuckerspiegel zu schnell in die Höhe und ist völlig falsch. Angesagt sind hochkomplexe Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten, die in den Trainingsphasen vor dem Turnier, ja sogar in den Halbzeitpausen gemampft werden sollen. Soweit so gut . Oder schlecht.

Wahrscheinlich ist der Kohlenhydrat-Hype völlige Folklore. Erinnert sich eigentlich noch jemand an das alberne Pflaster auf der Nase, das bevorzugt die Italiener und Portugiesen dorthin gepappt haben, um dann theatralisch reihenweise Elfmeter zu versemmeln? Das Pflaster sollte die Sauerstoffversorgung befördern. Aha. Manchmal legt die Realität nahe, dass auch das mit den Kohlenhydraten völliger Humbug ist und jeder Spieler sechs oder besser gleich 35 Tafeln Bananenschokolade essen sollte. Auch das hätte dann keine Auswirkungen auf Sieg oder Niederlage.

Beispiel aus der Fußball-Geschichte gefällig?

Die Endrunde der 9. Fußball-Europameisterschaft wurde bekanntlich vom 10. bis zum 26. Juni 1992 in Schweden ausgetragen. Schweden war als Gastgeber automatisch qualifiziert und –  Achtung! – jetzt kommt’s: Jugoslawien wurde aufgrund des Balkankonfliktes trotz vorheriger erfolgreicher Qualifikation aus dem Turnier genommen und zehn Tage vor dem Turnierbeginn durch den Zweiten der Qualifikationsgruppe Dänemark ersetzt. Das reißt beim informierten Fußballhistoriker schon alte Wunden auf.

Ich weiß, aber ich muss soweit ausholen, damit der fußballernährungsphysiologische Punkt klar wird: Kohlenhydrate sind das moderne Nasenpflaster! Dänemark gewann das Finale 1992 sensationell gegen den amtierenden Weltmeister Deutschland, obwohl verbürgt ist, dass mehrere Spieler in der Schlange einer McDonald’s Filiale standen, als sie der Ruf zum Turnier ereilte. Keine Kohlenhydrate. Nur reines Fett und Burger-Brötchen aus reinem Zucker. Das war die sporthistorisch verbürgte ernährungsstrategische Vorbereitung der Dänen. Ich erinnere mich an das Spiel. In der 18. Minute fiel das Tor für Dänemark und irgendein zweites kurz vor Schluss. Ich schalte immer den Fernseher aus, wenn ich merke, dass das alles sinnlos ist.

Die Dänen sind dieses Mal zwar auch dabei, glücklicherweise jedoch nicht in unserer Gruppe. Dafür aber die Schweden. In der Regel sind die Schweden zwar eine starke Mannschaft, werden aber gegen unser Team keinerlei Chance haben. Können sofort die Heimreise antreten. Um aber auf Nummer sicher zu gehen: Wo ist die größte McDonalds Filiale außerhalb der USA? Na? Richtig, in Moskau. In direkter Nachbarschaft zum deutschen WM-Quartier. Jogis Jungs sollten also vor dem Spiel gegen Schweden ein doppeltes BigMac Menü mit Extra Mayonnaise vertilgen und Cola Heavy – so viel rein geht! Dann kann nix schief gehen.“

Ganz meine Linie. Der Failowatschkov wird uns in Katar 2022 noch viel Freude bereiten. Ganz sicher.

Heute antwortete übrigens der DFB auf meine Mail vom 27. April (siehe Tag 148 „Heimatgefühle“):

„Sehr geehrter Osvaldo,

wir warten täglich auf die Eintrittskarten der FIFA. Erst dann können wir unseren Versand vorbereiten und auch umgehend danach durchführen.

Die FAN-ID wird laut unseren Informationen spätestens 72 Stunden nach einer Beantragung bestätigt.

Sie sollten uns kurzfristig über den jeweiligen Abholer für die beiden genannten Spiele informieren. Eventuell können Sie die Tickets persönlich bei uns abholen, was definitiv die bessere Variante wäre.

Mit freundlichen Grüßen

DFB-Ticketservice

Aha. Die wissen also auch nicht, wo der Hase begraben ist (oder wie die Redewendung auch immer heißt). Hinter allem steckt also die FIFA. Oder der Putin. Ich glaube, wir müssen uns mit beiden gut halten, sonst kommen wir nie nach Moskau. Dabei braucht uns das deutsche Team und der Jogi mehr denn je, das habe ich im Gefühl.

Ich stelle mir mal vor, die FIFA schickt die Tickets vier Wochen vor der WM Richtung DFB. Also mal angenommen, am 15. Mai, in einer Woche. Dann dauert es – dank des Fehlens von Beamten in der DFB-Geschäftsstelle – vielleicht nochmal etwa höchstens sieben Tage, bis die Original-Eintrittskarten an die Käufer rausgeschickt werden. Geht dann auf den Weg zu den Fans, die sehnsüchtig darauf warten, eine Fan-ID beantragen zu können, um nach Russland reinzukommen. Versanddatum im optimalen Fall also: 22. Mai.

Aber … dann warten direkt ein paar neue Komplikationshemmklötze: Denn dann kommt erstmal die Post ins Spiel, und zwar die deutsche. Die beschäftigen aktuell noch ursprüngliche Beamte. Rückläufer sozusagen. Muss man also locker einige Tage für den Laufweg hinzu kalkulieren. Bis die Tickets dann bei den Fans – und bei Michel und Lew sind – ist es mittlerweile etwa der 26. Mai. Und weil das ein Wochenende ist, liegen die Karten eben erst montags, also am 28. Mai, im Briefkasten. Tagsüber arbeiten, abends dann schnell die Fan-ID beantragen. Also Dokumente griffbereit halten, hochkonzentriert sein, keinen Fehler bei der Beantragung machen und vor allem – ein passendes Foto parat haben.

Aber was heißt hier schnell? Man braucht mindestens etwa fünf (vergebliche) Versuche, bis man den Fehler erkennt, der dazu geführt hat, dass die Nerven blank liegen, weil das beschissene Foto sich aus diversen, nicht nachvollziehbaren Gründen weigert, sich auf den russischen Server hoch zu bequemen. Vergehen ggf. nochmals zwei Tage, bis das geklappt hat. Und dann weiß man immer noch nicht, ob der Antrag genehmigt wird, weil man vielleicht versehentlich irgendeinen Zahlendreher im Antrag hatte. Dann beginnt das Procedere nämlich von vorne. Alles schon mitgemacht. Der Lew und der Michel und der Norberto tun mir jetzt schon leid.

Mittlerweile ist es mindestens schon der 31. Mai, bis klar ist, dass die Fan-ID genehmigt wird und in Druck gehen kann. Das dauert dann etwa weitere drei Tage. Sind dann beim 3. Juni. Anschließend wird das Dokument der russischen Post übergeben.

Auf fan-id.ru ist nachzulesen, …

„Die Zustellung der FAN-ID an die Postfiliale dauert zwischen 6 und 9 Kalendertagen.“

            (https://www.fan-id.ru/help.html)

Wie gesagt, wir sind immer noch in Russland. Etwa 10. Juni. Und noch nicht mal bei der deutschen Post.

Die WM fängt voraussichtlich pünktlich am 14. Juni an. Am 22. Juni kommen Lew, Norberto und Michel zu mir nach Sotschi. So der Plan.

Und dann tut sich sage und schreibe noch Furchtbareres in den FAQ zur Fan-ID auf (gleiche Seite wie oben):

„Wie lange dauert die Zustellung der FAN ID in das Ausland?

Die Zustellung der FAN ID in das Ausland kann bis zu 30 Tagen dauern. Innerhalb Russlands dauert die Zustellung bis zur Grenzaustauschstelle etwa 7-11 Tage. Ab diesem Punkt muss die Zustellzeit beim örtlichen Postunternehmen erfragt werden.“

Was!? Soll denn die WM ohne „Die Truppe“ stattfinden? Nicht auszudenken! Die Titelverteidigung scheitert an zwei läppischen Fan-ID’s. Bin niedergeschmettert. Weiß nicht, ob ich das den Jungs überhaupt irgendwie erzählen kann … … oder sie im guten Glauben lassen soll. Bin total ratlos. Werde Michel bitten, schnell zu einer Dringlichkeitssitzung einzuladen.

Zum Abschluss des Tages war heute meine Kuba-Krise sogar Thema bei Spiegel-Online („Router werden für Telefonbetrug gehackt“, http://www.spiegel.de/netzwelt/web/betrugsmasche-router-fuer-telefonbetrug-gehackt-a-1206788.html).

Aber das ist nichts gegen die Probleme, die sich vor unserer Truppe wegen den Fan-ID’s auftun und die wir ab jetzt an der Strippe haben. Au Mann. Das wird noch ein steiniger Pfad. Mit ungewissem Ausgang.

COMMENTS

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    Pivo Stepanowitsch 2 Wochen

    Ich finde es gut, dass an dieser Stelle auch über gesunde Ernährung für Sportler geschrieben wird, ein ganz wichtiges Thema!
    Hierzu möchte ich deshalb ergänzen, dass 100 Gramm Brot 49 Gramm Kohlenhydrate enthalten, Bier, also flüssiges Brot, hingegen nur 3,6 Gramm! Wer auf kohlenhydratarme Ernährung achten muss, für den ist Bier also eindeutig die bessere Alternative! Hinzu kommt, dass Bier auch ein äußerst kalorienarmes Getränk ist! So enthalten anderthalb Liter Bier etwa soviele Kalorien (ca. 700) wie ein Stück Sahnetorte!!!
    Für den Russland-Aufenthalt empfehle ich zum Einstieg übrigens „Baltika Nr. 3 Classic“, ein Bier der Sorte Lager!

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    Osvaldo 7 Tagen

    Ich freue mich über diesen sehr gelungenen und anregenden Kommentar. Nummer 3 lebt – und deshalb wird das Baltika Nr. 3 Classic natürlich probiert, lieber Pivo (übrigens ein sehr sympathischer Name!).

    Dein Osvaldo

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