Tag 21 – Im Jahr 2018: Voraussichtliche Ablösung von Uwe Seeler durch Dennis Diekmeier

Tag 21 – Im Jahr 2018: Voraussichtliche Ablösung von Uwe Seeler durch Dennis Diekmeier

Meine Kleine beschwert sich über die Kirschzweige. Dass die nicht aufgingen. Frage dann mal nach, was sie damit meint.

„Na, die Kirschzweige, die die Mama abgeschnitten und in die Wohnung gestellt hat!“, klärt sie mich auf.

Ich gucke ganz ungläubig. Da stehen tatsächlich eine handvoll Kirschbaumzweige in einer etwas größeren Vase direkt neben der Terrassentür. Fielen mir vorher nicht auf. Habe jetzt plötzlich den Eindruck, dass sie sogar den ganzen Raum ausfüllen. Frage bei der Kleinen nach, warum sie das gemacht hat.

Meine Frau mischt sich plötzlich ein. Wie immer. Vorher war sie nirgends zu sehen. Taucht dann aber auf wie der HSV-Diekmeier vor dem gegnerischen Tor.

Ich bin zwar kein Hamburger-SV-Fan, aber den Dennis Diekmeier mag ich. Er ist mittlerweile alleiniger Rekordhalter, und zwar als Bundesligaspieler mit den meisten Einsätzen, ohne dabei jemals selbst ein Tor geschossen zu haben. Er hat jetzt knapp 200 Bundesligaspiele auf dem Buckel und ist ersten Berechnungen zufolge ganze dreimal im gegnerischen Strafraum gesichtet worden. Damit hatte niemand gerechnet. Aber ich würde heute eine Wette eingehen: Ich bin überzeugt, weil das ein Klasse-Junge ist, der erzielt in dieser Saison sein allererstes Tor. Für den HSV. Danach tritt er am gleichen Tag noch ab und wird Nachfolger von HSV-Legende Uwe Seeler.

Zurück zu den Kirschzweigen. Meine Frau versucht mir beizubringen, dass es dazu einen Brauch gibt, der mit Heiligabend zu tun hat. Es wäre etwas ganz Besonderes, wenn genau an Heiligabend, nicht vorher, nicht nachher, die Zweige erblühen würden.

„Ja, ja, ist klar. Fehlt nur noch, dass zu Neujahr zusätzlich noch ein paar Kirschen dran baumeln“, entgegne ich ihr argwöhnisch, weiß ich doch, dass Kirschblüten erst sichtbar werden, wenn der Frühling Einzug hält. Bei uns ist aber gerade tiefster Winter. Mit sowas kann sie mir also nicht kommen.

„Du hast echt von fast gar nix eine Ahnung, Osvaldo. Au Mann. Wie konnte ich mich nur auf dich einlassen? Und das schon seit mehr als 25 Jahren!“

Meine Frau klingt irgendwie … ein bisschen … verzweifelt.

Kommt mir komisch vor. Kenne meine Frau ja schon lange und sehe sie in letzter Zeit immer öfters mit so einem fragenden Gesicht. Kann aber auch ein ratloses Gesicht sein. Oder ein auswegloses. Oder … ach, ist ja auch egal. So genau kann ich das eh nicht unterscheiden. Immer kritisch eben, wenn ich irgendwo in der Nähe bin.

Ich überlege. Runzele die Stirn und rolle die Augenbrauen in die Höhe. Senke meinen Blick dann wieder und peile sie mit zusammengekniffenen Augen ganz wichtig guckend an. … … Ähhh … was ich dazu zu sagen habe … also … Aber sag mal, meinst du das … weiter komme ich nicht, mein Kopf ist total leer. … Es tut sich nichts da drin. … Wünsche mir einen Geistesblitz, sofort. Umgehend, wenn es geht. Bitte! … … Nix. Kommt keiner. Auch kein irgendwie gearteter Gedanke steigt in mir hoch. Einfach nix. … … Ich mache mir so langsam Sorgen – echte Sorgen! -, dass sie recht haben könnte mit ihrer Vermutung. Trotz größter Anstrengung finde ich keine passable Erklärung, um ihren ungeheuren Verdacht zu entkräften. Sollte ich wirklich … keine Ahnung von nichts haben?

Nein, nein. Das glaube ich ihr jetzt echt nicht. Ich bin doch Osvaldo. Mir kann keiner was. Ich fühle mich schon etwas schlau, wenn ich das so sagen darf. In der Schule schon durfte ich öfters hören: „Osvaldo, ist dir mal wieder ein Licht aufgegangen?“ War dann immer ganz stolz. Zeigt, dass ich schon früh ein helles Köpfchen war.

Wobei – meine Frau verunsichert mich immer so. Macht immer so unbedachte Äußerungen. Egal. Ich will das mit den Kirschzweigen jetzt wissen. Wirklich meine ich.

„Wie läuft das genau mit den Kirschzweigen? Wie geht das weiter? Wann können wir im Wohnzimmer ernten?“

Meine Frau schaut nun noch ratloser als zuvor.

„Osvaldo, jetzt mal in aller Ruhe. Komm, wir setzen uns, dann erkläre ich dir, schön langsam, was es damit auf sich hat.“

Die Kleine gesellt sich dazu. Setzt sich auf meinen Schoß und wir horchen, was Mama zu sagen hat:

„Einer Legende nach ist es seit Jahrhunderten Brauch, am 4. Dezember, dem Barbaratag, einen      Zweig von einem Kirschbaum abzuschneiden und zu Haue in eine Vase mit Wasser zu stellen.        Falls er dann an Weihnachten, an Heiligabend, aufblüht, dann soll das Glück fürs nächste Jahr             bringen.“

„Ach so.“

Bin tief beeindruckt, was meine Frau alles weiß. Aus dem Stegreif. Ganz spontan und ohne Vorbereitung. Ich muss ja immer für alles googeln. Deswegen finde ich am Ende aber meistens mehr raus, als sie weiß. Und das macht mich dann im Endeffekt schlauer als sie. … … Ha! Jetzt ist die Welt wieder in Ordnung. Ich spüre, wie ich mich innerlich freue.

Ist schon ein gutes Gefühl, wenn man sich schlau fühlt.

 

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