Tag 50 – Was noch schlimmer ist als „Kein Bier“ …

Tag 50 –  Was noch schlimmer ist als „Kein Bier“ …

Schon Tag 50. Wahnsinn, wie schnell wir auf Moskau zutaumeln.

Gestern Abend hatten wir Spielersitzung. Also der Michel, der Norberto, der Lew und ich.

Der Lew Stroganoff ist ja noch nicht so lange dabei. Dem müssen wir manchmal noch viel erklären. Zu Beginn versuchte er, einmal selbst unsere bisherigen Planungen zusammenzufassen. Es gelang ihm … sagen wir mal … nicht so ganz. Würden wir seiner Route folgen – ich hab‘ da extra mal nachgeschaut – dann würden wir nicht der deutschen Mannschaft folgen, sondern dem Iran.

Das lief in etwa so ab wie bei Loriots berühmten Lottogewinner, als Hauptakteur Erwin Lindemann am Schluss dachte, er heiße Lottomann und seine Tochter würde mit dem Papst in Island eine Herrenboutique eröffnen. Oder so ähnlich. Na, egal.

Dramatisch wär das jedenfalls nicht, das mit dem Iran. Aber schöner ist es doch mit unseren Jungs. Außerdem wollen wir für die ja schwenken. Mit dem Chefkoch der DFB-Elf will ich bei Gelegenheit mal telefonieren. Möchte ihn vorab über unsere Planungen informieren. Und ihn von da an auf dem Laufenden halten. An dem Tag, an dem wir grillen, kann er sich dann frei nehmen. Irgendwann zuvor muss er aber die Steaks und Grillsachen und die ganzen leckeren Soßen einkaufen gehen. Aus Deutschland mitbringen können wir die nicht. Aber einen Schwenker werden wir dabei haben, also ein zusammenbaubares dreibeiniges saarländisches Grillgerät.

Zurück zu Lew. Was ich an ihm ganz besonders schätze: Er hat immer eiskaltes Bier parat. Egal, wann man bei ihm eintrifft. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sommer wie Winter. Damit macht er alle sonstigen Unzulänglichkeiten im Galopp wieder wett. Ich habe aber den Eindruck, dass er vor allem im Winter das ganze Bier vor seiner Gattin gut versteckt. Die kriegt das dann nicht so mit. Gestern Abend bei unserer Spielersitzung sah ich, wie sich mehrere Kisten Karlsberg Ur-Pils draußen vor der Tür seiner Kellerwerkstatt auftürmten. Fertig wurden wir nicht mit trinken. Das war so viel, und dann noch während der Woche.

Nee, nee, er hat uns jedenfalls sofort wieder zu sich eingeladen. Aber wenn er dann bei der Verabschiedung sagt: „Einen letzten!“ oder „Auf einem Bein steht man schlecht“ oder (dann wird’s ganz schlimm) „Schon die alten Germanen tranken noch einen“, wissen wir sofort, was die Stunde geschlagen hat. Mit „man“ meint er in aller Regel sich selbst. Kennt den Lew jemand noch nicht so genau und fallen dann welche auf seine vermeintlich harmlosen Angebote herein, droht selbst nach der offiziellen Verabschiedung noch die Vernichtung mehrerer Lagen Bier. Und wir wissen, dass es dann besser ist, sich aus dem Staub zu machen, sonst endet das bös‘. Ganz bös‘.

Ich musste einmal fast ins Flugzeug kotzen, damals, als ich mit Norberto nach Dublin flog, um das Spiel Irland gegen Dänemark zu sehen (siehe Tag 30 – „Von deutschen Iren überraschte Dänen“), weil der Lew abends zuvor bei mir zu Besuch war. Die beiden anderen, Norberto und Michel, hatten sich direkt nach Spielende (ich glaube, wir hatten Champions-League geguckt) verabschiedet. Aber der Lew nuckelte sich weiter durch. Ließ so gut wie nix aus. Und er hatte nix dem Zufall überlassen. Denn als er vor Spielbeginn reinkam, brachte er einen seiner gefürchteten, selbstgebrannten „Williams Birne 2015“ mit. Was am Ende dieses Abends noch übrig war, könnt ihr auf dem Foto nachvollziehen:

Das Zeugs von Lew ist des Teufels. Geht zwar runter wie Butter, hat es aber in sich. Läuft wie Leinöl.

Die Luxemburger hätten an dieser Stelle übrigens ihren Spaß. Früher gab es doch mal im Fernsehen die Werbung von Rennie mit dem Slogan „Rennie räumt den Magen auf“. In Luxemburg klang der Spruch anders, die können ja kein richtiges Deutsch, aber immerhin ein bisschen, und dort hieß es jedenfalls:

„Rennie risselt de Pansen in Reih‘!“

Klang vielversprechend. Auch Lews Birnenschnaps lässt bei mir im Hirn immer alle Zellen rieseln. Oft sogar bis in den Nachmittag des folgenden Tages hinein.

Überhaupt die Luxemburger: Die sind ja nicht für die WM qualifiziert. Aber nah dran … nein, waren sie nicht. Aber immerhin haben die in der Qualifikation im September 2017 in Frankreich Unentschieden (0:0) gespielt. Gut, einen Monat später gab es in Schweden eine 0:8-Klatsche. Wir werden im Juni in Kasan sehen, wie stark Schweden wirklich ist. Mir persönlich wäre lieber gewesen, Luxemburg hätte sich qualifiziert. Die hätten Italien im entscheidenden Spiel im Elfmeterschießen geschlagen. Das kleine Luxemburg schlägt das große Imperium Italien. Oha. Ganz auszuschließen ist das heutzutage ja nicht mehr. Na ja, jetzt ist eben Schweden statt Luxemburg oder Italien dabei.

Was ich sagen wollte: Luxemburg. Die benutzen manchmal überaus originelle Formulierungen. Es gab mal den Kinofilm „Das Imperium schlägt zurück“. Die Luxemburger benannten das kurzerhand um  – und zwar in:

„Het Imperium knippelt retour.“

Na ja. Wo waren wir? Ach ja, Schwarzbrenner. Auch der Michel ist ein Brenner. Und der Norberto glaube ich auch. Aber den sehe ich in der Regel eher beim Verkosten als beim Zubereiten. Früher, als es noch die Prohibition gab, da wären die drei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in den Gulag gekommen. Heute ist das aber Normalzustand.

Bin gespannt, wie die drei sich durch Russland durchtanken.

Wobei – die Prohibition, die gab es früher ja nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern, sogar bis zum Jahr 1992 auf den Färöer Inseln (wobei ich immer dachte, die würden bloß Fußball spielen, aber da gab’s bestimmt auch zahlreiche Schwarzbrenner). Trotzdem: Auch heute noch ist die Prohibition ganz aktuell, nämlich in einigen Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Dort ist der Handel oder der Konsum alkoholischer Getränke auf Grund des Alkoholverbots im Islam auch heute weiterhin verboten.

Gut, dass davon der Norberto nicht betroffen ist, sonst hätte es ihn womöglich voll erwischt.

Aber eigentlich trinken wir am liebsten – lässt man mal Kaffee und … und … ähhh … na gut, lässt man Kaffee eben weg – Bier. Ein guter Freund, der Feilinho

(Leser aus dem Brasilien-Logbuch kennen ihn schon; das ist der, der mich mit „guten Ratschlägen versorgte“ und um ein Haar dazu gebracht hätte, die WM 2014 statt in Brasilien im kleinen, noch relativ unentdeckten Kurörtchen Ottweiler-Steinbach zu verbringen),

meinte mal:

Schlimmer als kein Bier ist warmes Bier.

Total recht hat er. Und der Lew, der weiß eben, worauf seine Jungs großen Wert legen. Da überlässt er nix dem Zufall. Aus unserer Sicht setzt er also absolut die richtigen Schwerpunkte. Aber ansonsten ist ihm so ziemlich alles egal. Nicht schlimm, er hat ja uns. Vor allem den Michel, der ist der Zuverlässigste, der managt immer alles.

Dem Michel würde ich zutrauen, auch mal einen großen Bundesligaverein zu übernehmen. Nicht so einen kleinen wie Schalke, nein. Wenn, dann richtig in die Vollen: den FC Bayern. Den mag er zwar nicht so (kleiner Scherz am Rande), aber als Hoeneß-Nachfolger könnte ich ihn mir durchaus vorstellen. Aber nur als Bayern-Manager, nicht in seiner privaten Funktion. Da macht der Hoeneß ja schon mal krumme Sachen. Und viel dummes Zeugs redet der auch, wenn der Tag lang ist.

Nicht so unser Michel. Bei ihm hat alles Hand und Fuß. Da rollt der Ball. Da ist nix mit heißer Nadel gestrickt. Da wird sich Gedanken gemacht, bis ihm der Kopf raucht. Aber so richtig. Manchmal kann er tagelang nicht schlafen, so glüht sein Hirn.

Der Norberto macht das genau anders als der Michel: Bei ihm ist nichts in Stein gemeißelt. Aber er hat sau-viele Freunde und Bekannte, mit denen telefoniert er immer rum und versucht, irgendwas klar zu machen. Meistens bleibt alles unklar, tja, zumindest so lange, bis eben der Michel das dann in die Hand nimmt.

Aber durch die … sagen wir mal unkonventionelle Herangehensweise an Probleme sämtlicher Art – und von denen haben wir Jungs wahrlich genug, ich will da nur mal all unsere Frauen erwähnt haben – werden durch Norberto so manche Probleme dann tatsächlich auf die richtige Bahn geschubst.

Hab‘ ihn mal während unserer Besprechung geknipst, damit sich jeder selbst ein Bild von ihm machen kann. Der für Russland geplante Bart (siehe Tag 9 – „Wir bringen die Bärte zurück nach Russland“) ist schon mal auf einem guten Weg. Ein echter Rasputin eben! Damit kommt er in Russland überall durch. Hoffentlich jedenfalls.

Meistens kommen nach einem von Norbertos berüchtigten Anrufen jedoch neue Probleme hinzu. Alles geklärt kriegen wir jedenfalls nie.

Nicht schlimm. Wir haben ja den Michel.

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