Kommt Video-Beweis in Russland zum WM-Einsatz?

Kommt Video-Beweis in Russland zum WM-Einsatz?

Eine Frage gilt es unter den Schiedsrichtern noch zu klären: Wir der Video-Beweis bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 zum Einsatz kommen oder nicht? Den Härtetest in Russland hatte das bislang noch umstrittene Hilfsmittel für die Referees bereits beim Konföderationen-Cup 2017.

Es war ungewohnt – statt minutenlang über Schiedsrichter-Entscheidungen zu lamentieren, warteten die Teams mehr oder weniger geduldig auf eine höchstrichterliche Stimme aus dem Off. Es war die Stunde Null des Video-Beweises, der fortan sämtliche Streitigkeiten um Foul oder Nicht-Foul, Abseits oder Nicht-Abseits regeln sollte. Mancherorts gingen jedoch die Streitigkeiten erst richtig los. Konnte man das aus diesem Winkel überhaupt sehen oder verzerrt die Kameraperspektive die Wahrnehmung nicht ebenso?

Jetzt muss sich die FIFA erneut die Frage stellen, ob ein Video-Beweis bei der WM 2018 in Russland zulässig sein soll oder besser nicht. Einer der stärksten Befürworter des Hilfsmittels ist derzeit der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Reinhard Grindel. Was jedoch sagen diejenigen, deren fußballerisches Betätigungsfeld eher auf dem Platz angesiedelt ist und nicht nur in der Amtsstube? Das Fachmagazin Kicker begab sich auf Stimmensuche.

Bernd Heynemann, Ex-FIFA-Schiedsrichter und heute Experte beim Sender Sport1, spricht sich demnach klar gegen die elektronische Unterstützung aus. Zwar sei die nachträgliche Entscheidungsmöglichkeit in der Bundesliga bisher gut angenommen worden, eine Korrektur von 75 Prozent aller Fehlentscheidungen spricht dafür, jedoch sieht er bei der WM große Probleme. „In Russland kämen Schiedsrichter und Video-Assistenten zum Einsatz, die in ihren heimischen Ligen mit dem Videobeweis überhaupt noch nichts zu tun hatten. Dass das dann mit höchsten sechs bis acht Wochen Vorbereitung funktionieren könnte, halte ich schlichtweg für unmöglich“, begründet Heynemann seine Abneigung.

Überforderte Schiedsrichter

Der Ex-FIFA-Schiedsrichter Urs Meier, der sich seit langem akribisch mit dem technischen Schiedsrichter-Assistenen beschäftigt, äußerte ebenfalls seine Bedenken, ob der Video-Beweis bei solch einem wichtigen Turnier zum Tragen kommen soll. „Ich war im Vorfeld der WM 2006 in der Kommission, die zu entscheiden hatte, ob die Torlinientechnologie bei der WM zum Einsatz kommt. Wir haben uns dann nach vielen Tests im Vorfeld dagegen entscheiden, weil die Technik noch nicht zu einhundert Prozent verlässlich war, gekommen ist sie dann erst bei der WM in Brasilien 2014“, so die Schweizer Schiedsrichter-Legende.

Ähnlich sehe er es jetzt bei Russia-2018 auch. „Bei der WM in Russland kommen Schiedsrichter zum Einsatz, die überhaupt noch nicht mit dem Videobeweis gearbeitet haben. Sie kann man nicht mit einigen Trockenübungen vorbereiten, diese sind mit dem realen Druck und der Geschwindigkeit des Spiels bei einer WM überhaupt nicht zu vergleichen“, sagt er konform mit seinem Kollegen Bernd Neynemann. Die Erfahrungen beim ConFed-Cup seien für Meier schon nicht überzeugend gewesen.

Gespalten hingegen ist laut dem Kicker Dr. Markus Merk. Der dreimalige „Weltschiedsrichter des Jahres“, der derzeit als Experte für Analysen beim Bezahl-Sportsender Sky zuständig ist, kann sich ein Umdenken bei den Verantwortlichen nur schwer vorstellen. „Dass diejenigen, die dieses Projekt angezettelt haben, im Mai plötzlich Nein sagen werden“, will nicht so recht zu seinen bisherigen Erfahrungen mit dem Fußball-Weltverband passen.

„Deswegen habe ich die Überzeugung, dass es den Videobeweis in Russland geben wird. Ich glaube aber nicht, dass er ein zufriedenstellendes Ergebnis bringen wird“, sagt Skeptiker Merk. Aus dem Mund des gelernten Zahnarztes hört sich das nach Provisorium an.

[mb/russland.NEWS]

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