Vor der WM 2018: „Was war das, Russland?“

Vor der WM 2018: „Was war das, Russland?“

Eigentlich fuhr die russische Nationalmannschaft nach Innsbruck, um kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 ihre Standfestigkeit im internationalen Vergleich zu beweisen. Gegen einen Sparringspartner, der sich nicht einmal für die große Sause qualifizieren konnte wohlgemerkt. Indes, das Unterfangen ging gründlich in die Hose. Die Wahrheit lag wieder einmal auf dem Platz.

„Zwei Jahre herumalbern, dass die ganze Welt denkt, dass sie nicht spielen können. Und in zwei Wochen werden sie es jedem geben. Tschertschessow ist schon ein Stratege“ – Galgenhumor bestimmt die Gefühlslage der russischen Fans und der örtlichen Presse vor dem Endrunden-Turnier im eigenen Land. Das Testspiel gegen Österreich am vergangenen Mittwoch glich einem sportlichen Offenbarungseid.

Die Schwächen der Sbornaja, die eine ganze Nation einmal so richtig glücklich machen könnte, nachdem die Veranstaltung schon längst zu einem Event der Extraklasse hochstilisiert wurde, traten nur allzu deutlich ans Licht. Über die Ursachenforschung werden sich nun die Verantwortlichen den Kopf zerbrechen müssen, die Fans hingegen üben sich in Häme. „Die Nationalmannschaft, die läuft. Aber es ist nicht klar, wohin.“ Sie haben das Schöngerede allmählich mehr als satt.

Gut, dass Island und Costa Rica mitspielt

„Saudi-Arabien hörte mit dem Training auf, nachdem es das Spiel gesehen hatte. Sie trinken Bier und lachen“, ätzt es im Netz. Die Frage des Tages nach dem Spiel lautete: „Hast du Angst vor der russischen Mannschaft?“ Soviel steht fest, ein ernstzunehmender Gegner ist Russland mit so einer Leistung bei der WM 2018 mit Sicherheit nicht. Offen gestanden langt es so nicht einmal für die Rolle eines Favoritenschrecks, der den „Großen“ im Konzert der Besten ein Bein stellen könnte.

Fußballerisch, das muss man deutlich sagen, steht das russische Team gerade einmal auf der Stufe der Außenseiter wie Senegal oder Dänemark. Nur die Ambitionen sind weitaus höher gesteckt und das ist das Fatale bei dem Unterfangen Heim-WM. „Es ist klar, dass die Mannschaft bei der WM genauso spielen wird. Nur vom Blatt und nur zufällig“, bringt es ein Kommentar auf den Punkt. Mit einem derartigen Auftreten vor großer Kulisse ist die Sbornaja auf dem besten Weg, sich der Lächerlichkeit preiszugeben.

Dabei hatte man so Großes vor. Die Welt sollte sehen, dass Russland mehr als nur Eishockey und Biathlon kann. Ein hoffnungsvoller Ansatz blitzte kurzzeitig bei der EM 2008 in Österreich und in der Schweiz auf, als Russland erst im Halbfinale gegen den späteren Europameister Spanien ausschied und den 3. Platz erreichte.

Probleme in allen Teilen der Mannschaft

„Erinnern Sie sich, wie die Nationalmannschaft bei der EM 2012 nach der Niederlage gegen Griechenland gescholten wurde? Und damals hatten wir, im Vergleich mit der aktuellen Mannschaft, einen leuchtenden Sternenhimmel.“ Selbst bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine bescheinigen die russischen Sportzeitungen dem russischen Fußballverband einen tauglicheren Kader als in diesen Tagen, obwohl das Team damals bereits nach der Vorrunde ausgeschieden war.

„Nun, der Stratege Stanislaw Tschertschessow scheint sich seit zwei Jahren auf die WM 2022 vorzubereiten“, hat man den Schuldigen bereits ausgemacht. Man quittiert dem Team des Nationaltrainers einen „völligen Stilmangel“. Es gäbe „keine Konturen im Spiel. Die Spieler rennen auf dem Feld herum, zeigen einfach ihre Anwesenheit, wenn auch manchmal selbstlos und mit voller Hingabe. Was für ein Spielmodell hat er in die Nationalmannschaft gesteckt?“, fragt man sich.

Vielleicht zu Recht. „Ist schon okay. Die Jungen atmeten gesunde Bergluft, Tschertschessow ging nach Hause. Und all das, so wie ich es verstehe, auf Staatskosten?“ Der Geschasste hingegen übt sich derweil in Floskeln. „Was bedeutet schon so ein Spiel? 25 Minuten hat unser Plan perfekt funktioniert.“ Man muss sich beim Verband tatsächlich hinterfragen, ob man den russischen Fußball überhaupt konkurrenzfähig sehen will oder ob alles nur eine Frage des Prestiges ist.

Will man der Welt am Ende nur beweisen, dass man in der Lage ist, Veranstaltungen der Superlative zu inszenieren? „Die schlechteste Option für unser Team ist es, auf den zweiten Platz zu kommen und im Achtelfinale zu verlieren. Warum? Weil es den Sportverantwortlichen eine Ausrede geben wird, um im selben Geist weiterzumachen.“ Das Orakel einer tonangebenden Sportzeitung blickt der unangenehmen Wahrheit schonungslos ins Auge.

[mb/russland.NEWS]

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